Zwischen Tofu, Macht & Liebe
Ole von Beust hat ein Jahrzehnt lang Hamburg regiert. Seit Februar sortiert er in seinem Buch „Am Ende des Tages“ die Floskeln der Politik, von A wie Agenda bis Z wie zielführend. Jetzt besucht der 71-Jährige Claudia Kalisch im Lüneburger OB-Wahlkampf.
Erste Station: Tofutown an der Lüner Rennbahn. Wo früher Fischstäbchen vom Band liefen, entstehen heute vegane Fleischprodukte und pflanzliche Aufstriche. Zweite Station: der Checkpoint Queer, das queere Begegnungs- und Gesundheitszentrum in der Nähe vom Bahnhof.
Dann setzen sich die beiden zusammen. Um akademische Fragen geht es an diesem Vormittag nicht. In ganz Europa erstarken Parteien, die einfache Antworten versprechen und dabei die Gesellschaft spalten, und Lüneburg ist davon nicht ausgenommen. Was macht Politik falsch, wenn ihr die Menschen nicht mehr glauben? Und was kann eine Oberbürgermeisterin dagegen tun, was eine Stadt?
Claudia Kalisch: Herr von Beust, Sie haben ein Wörterbuch der politischen Floskeln geschrieben. Ich fange mit einem Geständnis an: Meine eigene Floskel ist „auf den Weg bringen“. Ich sage das wohl häufiger. Übersetzt heißt es: Wir haben angefangen, fertig ist noch nichts.
Ole von Beust: Dann sind Sie in großer Gesellschaft. Mir ist beim Schreiben aufgefallen, dass ich selbst jahrelang „am Ende des Tages“ gesagt habe. Es klingt weich und bedeutet nichts. Deshalb steht es auf dem Umschlag.
Kalisch: Warum reden Politiker so?
von Beust: Weil zwischen dem Erkennen eines Problems und seiner Lösung oft Jahre liegen. Das ist den Menschen zu lang, und sie haben recht damit. Diese Lücke füllt die Politik mit Sprache. Sofortprogramme, Zehn-Punkte-Pläne, Chefsache. Sprache tritt an die Stelle der Tat. Das ist bequem, und es rächt sich.
Kalisch: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen einer Floskel und Populismus?
von Beust: Eine Floskel ist eine leere Hülse. Ärgerlich, aber harmlos. Populismus ist ein Versprechen, von dem der Versprechende weiß, dass er es nicht halten kann. Das ist keine Stilfrage mehr, das ist eine Täuschung.
Kalisch: Ein Beispiel aus diesem Wahlkampf. Es wird mehr Polizei auf der Straße versprochen. Polizei ist in Niedersachsen Sache des Landes. Ich habe bei der Innenministerin wiederholt auf mehr Präsenz an kritischen Stellen gedrängt und werde das weiter tun. Aber eine Oberbürgermeisterin stellt keine Polizisten ein. Deshalb haben wir einen Kommunalen Ordnungsdienst auf den Weg gebracht.
von Beust: Da war sie wieder, die Floskel.
Kalisch: Erwischt. Ohne Floskel: Der Ordnungsdienst wird weiter aufgebaut. Er ist Sache der Stadt, die Polizei ist es nicht.
von Beust: Und genau da verläuft die Grenze. Wer mehr Polizei verspricht, obwohl das Rathaus keine einzige Polizeistelle schaffen kann, verspricht etwas, das ihm nicht gehört.
Kalisch: Ist das nicht schlimmer, als ein eigenes Versprechen zu brechen?
von Beust: Weil die Enttäuschung wandert! Breche ich mein eigenes Wort, sind die Leute von mir enttäuscht. Das ist mein Problem, und bei der nächsten Wahl bekomme ich die Quittung. So soll es sein. Verspreche ich aber etwas, das andere liefern müssten, das Land, die Polizei, der Bund, dann heißt es hinterher nicht „der hat uns enttäuscht“, sondern „die da oben“. Und dieses „die da oben“ ist Gift.
Kalisch: Und verlorenes Vertrauen in den Staat holt keine Wahl so schnell zurück. Genau davon leben die, die mit einfachen Antworten an die Macht wollen.
von Beust: Ja, denn ein großer Teil der Menschen hat das Gefühl, von Veränderungen überrollt zu werden, die man ihnen jahrelang als Fortschritt erklärt hat, von dem sie zu oft nichts gespürt haben. Die Globalisierung war so ein Fall. Wer zwanzig Jahre lang hört, dass etwas gut für ihn sei, und es dann nicht spürt, glaubt das irgendwann nicht mehr. Er ärgert sich. Aus Ärger wird Misstrauen, und Misstrauen ist der Rohstoff, mit dem Populisten arbeiten. Sie erfinden Probleme oder sie besetzen besonders die, über die andere nicht reden wollen.
Kalisch: Was hilft dagegen?
von Beust: Die Sorgen ernst nehmen, ohne die Antworten der Ränder zu übernehmen. Dieser Unterschied ist entscheidend, und er geht ständig verloren. Wer die Antworten der Ränder übernimmt, hofft, deren Wähler zurückzugewinnen, und erreicht das Gegenteil. Die Leute nehmen dann das Original.
Kalisch: Wir waren heute bei Tofutown, weil man genau das an diesem Betrieb sehen kann. Noch vor zehn Jahren war „vegan“ quasi ein Schimpfwort. Heute liegen vegane Produkte im Discounter und in Lüneburg hängen Arbeitsplätze daran, in einer Halle, in der früher Fischstäbchen produziert wurden.
von Beust: Das ist der Unterschied zwischen Wandel, der passiert, und Wandel, der gemacht wird. Die Leute in dieser Halle haben niemandem erklärt, dass die Zukunft pflanzlich ist. Sie haben Produkte hergestellt, die jemand kaufen wollte, und Arbeitsplätze geschaffen. Übrigens ist über diese Branche jahrelang gespottet worden. Gespottet haben meistens Leute, die selbst noch keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen haben.
Kalisch: Wo sehen Sie unsere politische Aufgabe?
von Beust: Rahmenbedingungen zu schaffen, und zwar verlässliche. Ein Unternehmen plant über Jahre. Es braucht kein Sofortprogramm, es braucht Zusagen, die halten, und Verfahren, die berechenbar sind. Deshalb ist Populismus auch wirtschaftlich teuer. Er lebt von Tempo, Wechsel und Krach. Nichts davon können Sie in einen Investitionsplan schreiben.
Kalisch: Unsere Unternehmen betonen oft: Sie bekommen nur Fachkräfte, wenn die Leute hier gern leben. Also brauchen wir die lebendige Innenstadt, die Schulen, das Klinikum, die Kulturszene mit dem Theater, das SaLü, den Kurpark …
von Beust: … und Sie brauchen eine Stadt, in der Menschen leben können, wie sie sind! Hamburg hat Offenheit nie als Dekoration betrachtet, sondern als Geschäftsgrundlage. Eine Stadt, die für Streit und Ausgrenzung bekannt wird, bekommt am Ende weder Fachkräfte noch Betriebe.
Kalisch: Sie haben 2001 mit Ronald Schill einen Populisten in den Senat geholt und ihn zwei Jahre später entlassen. Was macht so jemand mit einer Verwaltung?
von Beust: Er macht sie müde. Eine Verwaltung ist dafür gebaut, Dinge ordentlich und nachprüfbar zu erledigen, und das dauert. Populismus lebt vom Gegenteil, von der schnellen Ankündigung und vom Sichtbaren. Wenn oben jeden Tag etwas angekündigt wird, das unten niemand umsetzen kann, passiert zweierlei. Die Leute draußen sind enttäuscht, weil nichts kommt. Und die Leute drinnen hören auf, sich anzustrengen, weil sie merken, dass es auf ihre Arbeit nicht mehr ankommt. Das ist der eigentliche Schaden, und den sieht man erst hinterher.
Kalisch: Würden Sie sagen, Schill war das, was wir heute mit der AfD erleben?
von Beust: Nein, und diesen Vergleich mache ich ausdrücklich nicht. Schill war ein Rechtspopulist, aber er war kein Rechtsradikaler. Mit einer AfD, wie sie heute in Teilen auftritt, hätte ich nie koaliert. Da geht es nicht um Stil, sondern um Grundsätze. Mit Leuten, die völkisch denken, kann man keine Vereinbarungen treffen.
Kalisch: Nach der Entlassung ist die Koalition zerbrochen, es kam zur Neuwahl. Und dann haben Sie die absolute Mehrheit geholt.
von Beust: Daran erinnere ich gern: Die verbreitete Annahme lautet ja, man müsse Populisten nachgeben oder sie zumindest kopieren, weil man sonst Stimmen verliert. Bei mir war es genau umgekehrt. Ich habe das beendet und die Wähler haben es mir nicht übelgenommen, sondern gedankt. Die Menschen sind vernünftiger, als viele in der Politik glauben.
Kalisch: Was kann eine Kommune konkret tun, damit die Menschen nicht auf Populisten hereinfallen?
von Beust: Liefern. Das klingt banal, ist aber der ganze und zugleich schwierigste Punkt. Niemand wird zum Populisten, weil er ein Buch gelesen hat. Menschen wenden sich ab, wenn sie die Erfahrung machen, dass der Staat nicht funktioniert. Der Bauantrag, der ein Jahr liegt. Der Termin im Bürgeramt in sechs Wochen. Die Mail, die niemand beantwortet. Jede dieser Erfahrungen erzeugt einen Menschen, der glaubt, das Ganze sei kaputt. Kommunen haben es da in der Hand, und zwar mehr als der Bund.
Kalisch: Das ist wahr, und deshalb rede ich im Wahlkampf lieber über Wartezeiten und Rückrufe als über Haltung. Haltung hat jeder, Erreichbarkeit nicht. Viele Menschen fühlen sich mit ihren Problemen nicht mehr gesehen. Deshalb habe ich in der Innenstadt einen Dialograum der Verwaltung eingerichtet. Dort kann man mit jedem Anliegen hinkommen, und jeden Monat stellt sich ein anderer Arbeitsbereich aus der Verwaltung vor. Dazu kommen jährliche Bürgerräte und Sprechstunden der Verwaltungsspitze. Und trotzdem: Wer sechs Wochen auf einen Termin wartet, den tröstet kein Dialograum. Das muss schneller gehen.
von Beust: Und Sie müssen sagen, was nicht geht. Das ist der unpopulärste Teil des Jobs und der wichtigste.
Kalisch: Deshalb verspreche ich nur, was ich umsetzen kann und wofür ich auf eine Mehrheit im Rat baue. Nichts, nur weil es gut klingt: keine zusätzliche Polizei, keine schuldenfreie Stadt und nicht, dass alles gleichzeitig geht. Was ich verspreche, ist, dass ich ehrlich sage, was geht und was nicht.
Kalisch: Wir waren heute auch beim Checkpoint Queer. Vor zwanzig Jahren hätte es so einen Ort in Lüneburg nicht gegeben, jedenfalls nicht mit Schild an der Tür.
von Beust: Es hat lange gedauert, bis solche Themen selbstverständlich geworden sind. Selbstverständlich heißt aber nicht sicher. Solche Orte leben davon, dass jemand sie trägt, Jahr für Jahr. Und sie stehen in knappen Zeiten als Erstes auf der Streichliste, weil sie leise sind.

Kalisch: Ich halte das große Streichen für einen Fehler, und zwar nicht aus Gefühl. Wer einen Ort hat, an dem er gehört wird, sucht keinen, der ihn anschreit. Das gilt für den Checkpoint genauso wie für den Sportverein, die Feuerwehr und die Kirchengemeinde.
von Beust: Dem stimme ich zu. Und es gilt auch umgekehrt: Wie eine Stadt mit ihrer kleinsten Gruppe umgeht, sagt ziemlich genau voraus, wie sie später mit allen anderen umgeht.
Kalisch: Letzte Frage. Was macht Ihnen Hoffnung?
von Beust: Dass die Menschen mehr aushalten, als Politiker ihnen zutrauen. Sie akzeptieren Unangenehmes, wenn man es ihnen klar sagt. Was sie nicht akzeptieren, ist, für dumm verkauft zu werden. Es gibt eine große Sehnsucht danach, dass jemand einfach sagt, was ist. Und Ihnen?
Kalisch: Die Leute, die wir heute getroffen haben. In der Halle bei Tofutown und beim Checkpoint Queer arbeiten Menschen, die etwas aufgebaut haben, das vor zwanzig Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Die haben nicht gewartet, bis jemand „Chefsache“ ruft. Solche Leute gibt es in Lüneburg viele. Meine Aufgabe ist es, ihnen dort einen Rahmen zu schaffen, wo sie ihn brauchen. Deshalb trete ich wieder an.
von Beust: Ich habe Sie in den vergangenen Jahren als zuverlässig, anpackend und aufrichtig erlebt. Das braucht unsere Gesellschaft. Gerade in unruhigen Zeiten sind Besonnenheit und Stabilität wichtig. Und das wünsche ich Lüneburg.
Das Gespräch erschien in der Lünepost vom 26. September 2026. „Zwischen Tofu, Macht & Liebe“ als PDF herunterladen (9,9 MB).
Auf in die Stichwahl
Claudia Kalisch mit 36,1 Prozent klar vorn, Stichwahl am 27. September
Lüneburg, 14. September 2026. Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch hat den ersten Wahlgang der Oberbürgermeisterwahl deutlich gewonnen. Nach dem vorläufigen Endergebnis entfielen 36,1 Prozent der Stimmen auf die Amtsinhaberin, die als Einzelbewerberin aus dem Amt heraus angetreten ist. Auf Platz zwei folgt Heiko Meyer (Die Unabhängigen) mit 28,2 Prozent. Weil keine der acht Bewerbungen die absolute Mehrheit erreicht hat, fällt die Entscheidung in der Stichwahl am Sonntag, 27. September 2026.
„Vielen Dank an alle, die mir ihre Stimme gegeben haben, und an die Grünen für ihre großartige Unterstützung“, sagte Kalisch am Wahlabend. „Jetzt geht es auf in die Stichwahl, und ich freue mich auf ein Duell der Inhalte, denn dafür bin ich angetreten. Inhalte statt Populismus.“
Kalisch wirbt in der Stichwahl dafür, den Weg der vergangenen fünf Jahre fortzusetzen. Dazu zählen der Ganztag an allen elf städtischen Grundschulen, der Bildungspakt über rund 230 Millionen Euro bis 2040, Baurecht für über 2.000 Wohnungen und der Erhalt des Gradierwerks im Kurpark. „Vieles ist angestoßen und braucht jetzt Verlässlichkeit“, so Kalisch. „Wer möchte, dass ich weiter Kurs halte, kann das am 27. September mit seiner Stimme entscheiden. Über jede Unterstützung in den kommenden zwei Wochen freue ich mich sehr.“
Die Wahlbeteiligung lag bei 67 Prozent und damit deutlich über dem ersten Wahlgang 2021 mit 56,2 Prozent. Schon damals standen sich Kalisch und Meyer in der Stichwahl gegenüber; Kalisch gewann mit 55,5 Prozent der Stimmen.
Claudia Kalisch ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Sie kandidiert nach § 45d Absatz 4 des Niedersächsischen Kommunalwahlgesetzes als Einzelbewerberin aus dem Amt heraus und wird von den Grünen unterstützt. Auf dem Stimmzettel wird sie deshalb ohne Parteibezeichnung geführt.
Inhalte statt Populismus
Claudia Kalisch zum Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt: „Jetzt gilt es, zusammenzustehen“
Lüneburg, 8. September 2026 – Als „erschreckend deutlich“ bezeichnet OB-Kandidatin Claudia Kalisch das Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die politische Mitte sei durch dieses Ergebnis geschwächt, sagt sie, einen Niedergang der Volksparteien erwarte sie deshalb aber nicht – in Lüneburg schon gar nicht. „Was wir jetzt tun müssen, ist gemeinsam und hart daran zu arbeiten, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ein Staat, der von Extremisten gelenkt wird, ist kein demokratischer Staat mehr.“
Gravierende Auswirkungen auf die Kommunalwahl am kommenden Sonntag erwartet Kalisch nicht. Wenn in Niedersachsen gewählt werde, gehe es um die Kommunen vor Ort und um die Hauptverwaltungsbeamt*innen, die sie führen. „Es geht um die Daseinsvorsorge in unseren Schulen, KiTas, Theatern und Museen, es geht um die Feuerwehr, um die Sportvereine und um vieles mehr, was den Alltag in dieser Stadt ausmacht.“ Niedersachsen sei nicht Sachsen-Anhalt, und eine Kommunalwahl sei keine Landtagswahl.
Den Erfolg der Rechtsextremen führt Kalisch auf jahrelangen Populismus zurück, der das politische Klima vergifte und den Boden für Extremisten bereite. Dagegen habe sie immer gehalten: mit Sachlichkeit, mit dem Blick auf das, was verbindet, mit der Stärkung von Ehrenamt und Engagement und mit der Beteiligung der Bürger*innen an den Entscheidungen ihrer Stadt. „Kurzum: mit Inhalten.“ Seit gestern klebt genau dieser Satz auf ihren Plakaten im Stadtgebiet – Inhalte statt Populismus.
Ihren Appell richtet die Kandidatin ausdrücklich an alle Demokrat*innen, unabhängig vom Parteibuch: „Lassen Sie uns Haltung zeigen gegen jede Art von Populismus und gemeinsam für unsere Demokratie kämpfen, mit Ehrlichkeit und mit Inhalten. Und gehen Sie am 13. September wählen. Jede Stimme zählt, auch hier in Lüneburg.“
Robert Habeck: „Ich setze auf Lüneburg“
Rund 600 Menschen haben am Samstag im Kulturforum Wienebüttel Robert Habeck und Claudia Kalisch zugehört, wobei diesmal der Gast die Fragen stellte. Gut achtzig Minuten lang wollte der frühere Vizekanzler von der Oberbürgermeisterin wissen, was sie aus fünf Jahren im Amt mitnimmt und was eine Stadt gegen die Krise der Demokratie tun kann. Am Ende war er überzeugt: „Ich setze auf Lüneburg.“
Ein Gast mit Lüneburger Vergangenheit
Habeck hat rund drei Jahre in Lüneburg gelebt, als seine Kinder klein waren, und für ihn ist es bis heute „einfach eine schöne, liebenswerte, tolle Stadt“, wie er gleich zu Beginn sagte. Warum er gekommen ist, erzählte Claudia Kalisch mit einer Geschichte aus dem Januar 2025, als Habeck als Wirtschaftsminister im Rathaus zu Gast war und vor dem Pressetermin eine halbe Stunde blieb. Sie bot ihm an, ihr Büro so lange für sich zu haben, doch er zog einen Stuhl heran und fragte: „Claudia, wie geht’s dir eigentlich?“ Mit derselben Frage fing er nun auch das Gespräch an, und die Antwort fiel so ehrlich aus, dass Habeck sie gleich lobte: „Müde. Und hochmotiviert.“ Jede geübte Politikerin in Berlin hätte gesagt, natürlich gehe es ihr gut.
Krisenjahre und wechselnde Mehrheiten
Als Claudia Kalisch ins Amt kam, war Corona noch nicht vorbei, kurz darauf begann der Angriffskrieg auf die Ukraine, und mit ihm kam die Energiekrise. Weil im Herbst 2022 niemand wusste, ob im Winter das Gas reicht, rief sie die erste Stadtkonferenz ein, bei der Menschen aus der ganzen Stadtgesellschaft gemeinsam Szenarien durchgingen. Dabei stellte die Feuerwehr fest, dass sie bei einem Stromausfall nicht hätte tanken können, worauf die Bundeswehr ihre stromlose Tankstelle anbot. Suppenküchen aus dieser Zeit gibt es zum Teil bis heute, und die Stadtkonferenz ist zur festen Einrichtung geworden, zu der die Oberbürgermeisterin jedes Jahr einlädt, zuletzt zum Ehrenamt und als Nächstes, wenn es nach ihr geht, zur Kultur.
Über die Grenzen des Amtes sprach sie ohne Umschweife. Weil die Grünen im Rat keine Mehrheit haben, wechseln die Mehrheiten von Thema zu Thema, was sie durchaus schätzt: „Das hat was für sich, weil man immer wieder miteinander sprechen muss.“ Bei der Mobilität habe sie deshalb aber vieles nicht umsetzen können. Habeck hielt dagegen, dass genau das eine Stärke sein kann, denn in Skandinavien seien Minderheitsregierungen der Normalfall, und wer eine Stadt fünf Jahre lang so führe, brauche „ein besonderes Fingerspitzengefühl“ und müsse „aus der zweiten Reihe führen“ können. An dieser Stelle erklärte Claudia Kalisch, warum sie als Amtsinhaberin ohne Parteiticket antritt: Sie sehe sich als Oberbürgermeisterin für alle, und die Kandidatur sei ein Angebot an alle demokratischen Parteien, auch wenn sie im Herzen Grüne bleibe.
Wärme aus Trinkwasser
Beim Klimaschutz wurde es konkret. Die Wärmeplanung hat der Rat deutlich früher beschlossen als vorgeschrieben, in der Woche vor der Veranstaltung wurden die Verträge für eine Großwärmepumpe an der Kläranlage unterschrieben, und in Lüneburg steht die erste Anlage in Deutschland, die Wärme aus Trinkwasser gewinnt. Wenn der Versuch gelingt und die Trinkwasserverordnung angepasst wird, könnte nach Einschätzung der Oberbürgermeisterin ein Drittel bis die Hälfte der Fernwärme aus dieser Quelle kommen. Dazu kommt der Hort an der Anne-Frank-Schule, das erste öffentliche Gebäude in Deutschland nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, das inzwischen Besucher aus anderen Städten anzieht.
Habeck sieht die Energiemärkte inzwischen auf der Seite der Energiewende, weil Strom aus Sonne und Wind zusammen mit Batterien die günstigste Technik sei und der Markt deshalb von selbst in diese Richtung arbeite. Europa gebe jedes Jahr rund 400 Milliarden Dollar für fossile Importe aus, Deutschland 80 Milliarden, und ein großer Teil davon fließe an Staaten, die der Demokratie feindlich gegenüberstehen. Dass Klimaschutz in Deutschland trotzdem zum Kulturkampfthema geworden ist, wundert ihn bis heute.
Claudia Kalisch rechnete vor, was Nichtstun kostet: Ein einziger Hitzetag über 35 Grad koste den Staat bundesweit rund eine Milliarde Euro, weshalb sie sich als Vizepräsidentin des Deutschen Städtetags dafür einsetzt, Klimaschutz und Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz zu schreiben. Umso mehr hat es sie nach eigenen Worten erstaunt, dass der Rat die dauerhafte Sicherung des Grünen Gürtels West als Frischluftschneise abgelehnt hat. „Wenn man keine Mehrheit hat, hat man keine Mehrheit.“ Für den Hitzeschutz in der Innenstadt hat sie die alten Kirchen im Blick, die zentral liegen und von sich aus kühl sind, und darüber will sie mit dem Kirchenkreis ins Gespräch kommen.
Kein Kaputtsparen
Trotz eines Defizits von rund 50 Millionen Euro im Jahr hat die Stadt die Gewerbesteuer nicht angehoben, ein Wirtschaftslotse hilft Unternehmen, im Rathaus schnell an die richtige Stelle zu kommen, und beim Azubi Beach Festival auf dem Marktplatz wie beim Azubi-Wheel-Dating im Riesenrad auf den Sülzwiesen werben Betriebe um Nachwuchs. Noch in diesem Jahr will Claudia Kalisch mit der IHK und den Gewerkschaften eine Wirtschaftskonferenz ausrichten. Habeck brachte dazu die Idee einer kommunalen Innovationsagentur mit, bei der Unternehmen um Lösungen für städtische Aufgaben konkurrieren. Die Oberbürgermeisterin will sie in den Städtetag mitnehmen, bremste aber die Erwartungen, denn nur drei Prozent der städtischen Ausgaben seien freiwillige Leistungen, etwa für Kultur und Ehrenamt. „Ich bin nicht bereit, den Kitt unserer Gesellschaft kaputtzusparen.“
„Ich setze auf Lüneburg“
Habeck sprach von einer Repräsentationskrise, in der viele Menschen politische Entscheidungen nicht mehr als in ihrem Namen getroffen anerkennen. Er wünsche sich Experimentierräume für neue Formen geteilter Verantwortung, und weil er wisse, wie Bundespolitik funktioniert: „Ich setze auf Lüneburg.“ Claudia Kalisch beschrieb, was die Stadt dafür schon tut, von den gelosten Bürger:innenräten, die gerade über die Umgestaltung des Kurparks beraten, bis zum Dialograum in der Grapengießerstraße, wo die Themen jeden Monat wechseln und jedes Anliegen direkt an die zuständige Stelle weitergeht.
Sein Schlusswort nutzte Habeck für eine Wahlempfehlung. Lüneburg habe sich in den vergangenen fünf Jahren „nach vorne bewegt“, der Weg sei erkannt, jetzt brauche es „einen Menschen, der das umsetzt, und diesen Menschen können Sie wählen am 13. September“. Claudia Kalisch blieb bei ihrem Credo, „weiter Kurs halten“, denn jetzt gehe es darum, noch mehr in die Umsetzung zu kommen. Zum Abschied bekam Habeck eine Stadtansicht von Lüneburg, auf der sein früheres Haus zu erkennen ist.
Breite Unterstützung für Claudias Kandidatur
Bei ihrer Mitgliederversammlung haben sich die Grünen Lüneburg einstimmig hinter Claudia Kalischs erneute Kandidatur als Oberbürgermeisterin gestellt. Claudia tritt am 13. September überparteilich aus dem Amt heraus an – als Angebot an alle Lüneburger:innen.